"Spiel bewegter Unbeweglichkeit"

KULTURpur, 2005, Nr. 05/06, S. 22/23

Berlins Kulturlandschaft erzielt internationale Aufmerksamkeit.
In Berlin lebende Künstler sind auf Messen in der ganzen Welt gefragt und viele Künstler fühlen sich von Berlin begeistert und inspiriert. KULTURpur stellt in jeder Ausgabe einen Berliner Künstler vor. Den Anfang macht Scharein, der seit über 25 Jahren in Berlin lebt, abseits aller Zeitströmungen arbeitet und sich vielleicht gerade deswegen eines großen öffentlichen und privaten Sammlerkreises erfreut.

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Bei Scharein (56) fließen Leben und Kunst zusammen zu Lebenskunst. Beginnen wir mit dem Leben: Reisen, Fotografieren,
Kochen und Gespräche mit Sammlern und Freunden sind für ihn zentrale Punkte seiner Lebensfreude und Schaffenskraft. In der geräumigen Atelierwohnung hängen seine "schwebenden" Farbfelder. Scharein liebt es à point: Mit der Feinstruktur seiner Bilder, die bis zu 17 (!) farblich verschiedene Punkte auf einem (!) Quadratzentimeter zusammenziehen, erweist er sich als ein Liebhaber des Details.

Farbe ist in Schareins Tafelbildern seit 25 Jahren primäre Eigenschaft und Gegenstand. Er knüpft dabei an amerikanische Farbfeld-Maler wie Mark Rothko, Barnett Newman und Ad Reinhard, aber auch an europäische Repräsentanten der Monochromie wie Yves Klein und Gotthard Graubner an. Farbe ist für ihn stoffliche Substanz und Sinnesempfindung, rationales Experiment und sinnliches Er-äugnis, strenges Kalkül und individueller Empfindungswert. In Öl malt der gebürtige Niedersachse, der 1969 bis 1979 Kunsterziehung in Hamburg und Berlin studierte, zum Meisterschüler avancierte, schon lange nicht mehr. Heute ist es Acryl auf Hartschaumplatte.
Seine oft großformatigen und mehrteiligen Bilder fordern als Suggestionen virtueller Farbkörper die Erlebnisfähigkeit des Betrachters heraus. Sie bieten dem suchenden Blick weder Halt noch Orientierungsmöglichkeiten. Die maßlosen, unauslotbaren und mit Licht durchwobenen Farb-Raum- Flächen präsentieren sich gesättigt und dicht, bisweilen auch transparent, schwere- und substanzlos. Die subtilen Farbstriche und -punkte scheinen einer undurchschaubaren Gesetzesmäßigkeit unterworfen. Befreit von Gegenstand und Form verwirklicht sich die Farbe bei Scharein als ein sich stets wandelndes Element, das sich selbst generiert. Die Farbimpulse beleben den gesamten Bildkörper und überstrahlen seine faktischen Grenzen – und dennoch sind Schareins Arbeiten exakt durchdachte Kompositionen.
In unmittelbarer Nähe zum Bild erkennt man den ungemein differenzierten, streifenförmigen oder punktierten Farbauftrag als professionelle Voraussetzung für die unglaubliche Leuchtkraft und das Vibrato der Arbeiten. Von Nahem sieht man Hunderte von Punkten, deren Farbe variiert und deren Kombination sich in fast schon systematischen Mustern aufbaut und verändert. Aus der Ferne verschmilzt die gepunktete Feinabstimmung zu weiten homogenen und chromatischen Flächen - die in ihrer Weite doch keine Flächen sind. Die akribische Differenzierung in der Ausführung sichert jeder Stelle des Bildfeldes Individualität und Gleichwertigkeit. Perfekter Farbauftrag, Rasterung, das Kalkül und ein analytisches Vorgehen sind die Grundlage konstruktiv-konkreter Kunst. Scharein versteht seine Arbeiten jedoch darüber hinaus als inhaltliche, emotionale Farbtafeln und verstärkt dieses mit seinen Bildtiteln wie "Kleiner Hausaltar" oder "Sehnsuchtstriptychon".
So ist das große Triptychon "Hommage à Meister Mathis" dem mittelalterlichen Maler Mathias Grünewald gewidmet. Scharein überträgt die figürlichen Zusammenhänge in changierende Farbtöne. Die aus dem kleinteiligen Farbauftrag hervorgehenden optischen Vibrationen und Irritationen führen in seinen Arbeiten zu einer Vertiefung der Farbwirkung, deren emotionale Qualität auf den Betrachter überspringt. Sie geben den Blick frei auf die ruhig pulsierenden Tiefen des Lichts. Oder des Alls. Auch hier findet man die Bewegung des scheinbar Unbeweglichen - das Flirren, Schwingen und Schweben der Farbtöne.
Gerade in diesen mehrteiligen, großformatigen Bildern erfährt der Betrachter die meditative Kraft seiner Farbklänge. In den aktuellen Arbeiten der letzten drei Jahre verwendet Scharein erstmals die diffizile Farbe Gelb. Die "Sinfonie in Gelb" ist sein bisher größtes Werk: 202 auf 750 cm umfassen die insgesamt fünf Bildtafeln. Nuancierte Licht- und Farbprogressionen werden hier als lebendige Prozesse in einem nahezu narrativen Sinne erfahrbar, Farbe erscheint als geballte Energie, deren anschauliche Aktivitäten und
Qualitäten Assoziationen und Emotionen freisetzt.In Schareins Bilderwelten heben sich die Gegensätze von Fläche und Raum, Materialität und Immaterialität, Statik und Dynamik auf. Erfahren kann der Betrachter dies allerdings nur in der Begegnung mit den Originalen, denn nur sie können die emotionale, meditative Strahlkraft vermitteln. Wer dieses erleben möchte, hat ab 5. April 2006 die Gelegenheit dazu. In dem ehemaligen Staatsratsgebäude in Berlin am Schloßplatz 1 werden Schareins Arbeiten öffentlich zugänglich gezeigt. Werkstattgespräche und exklusive Führungen ergänzen dieses Kunstprojekt.