Scharfe Konturen im Farbnebel, Badische Zeitung, 22.03.2005

Scharfe Konturen im Farbnebel, Badische Zeitung, 22.03.2005
Hans-Dieter Fronz
Malerei von Günter Scharein und Plastiken von Martin Willing in der Freiburger Skulpturenhalle 
Der erste Blick gilt dem mächtigen blauen Triptychon, das beinahe die Stirnwand der Halle ausfüllt. An den beiden Längswänden hängen kleinere Formate, hier dominieren Gelb und Orange. Doch dann sind da noch jede Menge Plastiken von metallischer Anmutung. So ist der erste Eindruck in dieser Ausstellung der einer eigenartigen Beziehungslosigkeit, ja Gegensätzlichkeit. Hier ein malerisches Schwelgen und sich Verlieren in ungegenständlichen Farbnebeln. Und dort diese scharf konturierten und mathematisch konstruierten Gebilde, die an Lineal und Reißbrett denken lassen. 
Was die Bilder des Berliner Malers Günter Scharein mit den Plastiken des Kölners Martin Willing in der Skulpturenhalle der Stiftung für konkrete Kunst Roland Phleps in Zähringen gleichwohl verbindet, ist - Bewegung. Die man Willlings massiv anmutenden Konstruktionen, sieht man sie im Ruhezustand, gar nicht unbedingt zutrauen würde; "Skulpturen gegen die Schwere" nennt sie der Ausstellungstitel, und darin klingt ein bleibendes Thema des kunstschaffenden Hausherrn Roland Phleps selbst an. Streben seine Stahlplastiken doch gleichermaßen nach Überwindung der Schwerkraft durch die Anmut der Form. Während die innere Bewegtheit der Scharein-Bilder sofort ins Auge springt. Nicht nur als organisches Changieren von Farbe, sondern auch im Sinne einer Farbrhythmik, die sich erst in der Nahbetrachtung erschließt. Denn letztlich haben auch Schareins Bilder eine konstruktive Note, sind insofern in einer Halle für konkrete Kunst durchaus am Platz. 
Wie beweglich kann Stahl sein? 
Werden sie doch aus rhythmischen Folgen winziger Farbkreise oder, seltener, farbiger Quadrate und vertikaler Geraden gebildet. In einem schönen Triptychon löst sich Scharein auch einmal vom konstruktiven Schema, ergeht sich in frei gesetzten Farbklängen. 
Das kinetische Potenzial von Willings Plastiken verraten bereits Titel wie "Doppelschwinger, Massen peripher" oder "Scheibe, in sich bewegt". Als Künstler experimentiert der diplomierte Physiker mit der Elastizität und Beweglichkeit von Materialien wie Federstahl, Duraluminium oder Titan. Mit der mathematischen Genauigkeit des Wissenschaftlers und der Intuition des Künstlers biegt und sägt, formt und dreht er Flacheisen, Rundstäbe und Bänder zu geometrischen Gebilden, denen man die Beweglichkeit keineswegs ansieht. 
Angetippt aber entfalten sie ein je charakteristisches Eigenleben: wippen, schaukeln oder wiegen sich befreit. Manchmal genügt ein leichter Luftstrom, damit die Geometrie zu tanzen beginnt wie bei einer flachkegelförmig ansteigenden Endlosspirale: Im träumerisch pulsierenden Auf und Ab der Kegelspitze erinnert das zarte Wesen für kurze Intervalle an wandernde Wasserkreise. Dagegen versetzt sich ein speerartiges Gebilde in sanft-regelmäßige Schwingung, die freilich bald in eigensinnig-regelloses Schlingern übergeht. Eine kleine Spirale schaukelt sich, leicht angetippt, zu einer heftigen Bewegung hoch – und landet mit einem plötzlichen Satz am Boden. 
Skulpturenhalle, Pochgasse 71, Freiburg. 
Bis 8. Mai, Sonntag von 11.30-13.30 Uhr.