"Scharein interviewed by Rory MacLean" January 2011

"Scharein im Interview mit Rory MacLean"

Meet the Germans, Internetseite Goethe-Institut, 01/ 2011
Übersetzung von Susanne Mattern

„Wie kam Scharein auf den Punkt?“ fragt der dynamische, kompakte Farbfeldmaler mit einem Lachen. „Ich zeige es Ihnen. Folgen Sie mir“.

Sprühend vor frenetischer Energie, macht sich Scharein im Laufschritt auf den Weg durch den Flur zwischen dem Atelier und „Reise-Traum-Zimmer“ seiner Berliner Wohnung. Mich fasziniert der Prozess, wie jemand zum Künstler wird. Um es mit den Worten von Dickens zu sagen, zerlege ich gern die lange Kette der Ereignisse in ihre Glieder aus Eisen oder Gold, Dornen oder Blumen, die einen Maler dazu bringen, den Pinsel in die Hand zu nehmen oder einen Bildhauer, seine Vision in Stein zu meißeln. Aber noch nie zuvor habe ich das in einem Laufschritt getan, der mir den Atem raubte....

„Hier fing alles an“ sagt Scharein, während er seine frühesten Gemälde zutage fördert und mir die ersten Glieder in der Kette seines bemerkenswerten Lebens zeigt.

Scharein wurde in Bassum geboren, einer Stadt in der Nähe von Bremen in Niedersachsen. Seine Eltern waren Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die nach 1945 an Polen und Russland fielen. Von frühester Kindheit an fühlte er sich als Außenseiter, so wie auch seine Familie. Er lernte, sich ganz allein um sich selbst zu kümmern. Obwohl das Geld sehr knapp war, beschloss er, in Hamburg, Saarbrücken und Berlin Kunst zu studieren. Zunächst verdiente er seinen Lebensunterhalt als Lehrer, aber sobald er es sich leisten konnte, arbeitete er hauptberuflich als freischaffender Künstler.

„Zuerst konzentrierte ich mich darauf, mein Handwerk zu lernen: Wie malt man Volumen? Was sind Grauwerte? Ich lernte, anstatt der Farbtöne die Hell–Dunkel-Abläufe zu sehen“.

Auf der Staffelei zeigt mir Scharein gegenständliche Zeichnungen aus der Türkei und Marokko – in hervorragender technischer Ausführung – und dann seine frühen Gemälde aus dem Hohen Atlas, wo er sich langsam der abstrakten Malerei zuwandte.

„Mir fiel es schwer, meine Emotionen in gegenständlichen Werken auszudrücken“, gesteht er. „Freunde baten mich immer, meine Bilder zu erklären, und dadurch war ich gehemmt. Zur Selbstbefreiung ging ich den Weg von der Objektivität und Realitätsnähe zur Abstraktion“.

Um diese Entwicklung zu veranschaulichen, zeigt er mir in rascher Abfolge eine Reihe von Malereien, die an Dali und Braque erinnern.

„Ich entwickelte meinen Stil im Arbeitsrausch, im kreativen Prozess und nicht nach einer theoretischen Formel“.

Schareins Arbeit durchlief eine Phase der Reduktion. 1970 nahm er seinen Bildern zunächst die Farbe und beschränkte sich auf schwarze Quadrate auf weißem Grund. Dann manipulierte er das Quadrat und entwickelte es weiter zu spiralförmigen Bildern und dreidimensionalen Formen. Im Verlauf des nächsten Jahrzehnts reduzierte er dann die Quadrate auf einzelne farbige Punkte. Das Ergebnis ist sein Markenzeichen, die unverwechselbaren Farbfelder, jedes aus zigtausend gemalten Punkten aufgebaut.

„Ich habe nur diese beiden Pinsel“, verkündet er, sie vor meinen Augen schwenkend, und flitzt dann durch den Raum, um mir seine minuziös gearbeiteten Farbtafeln zu zeigen.

Die riesigen modernen Malereien, mit denen die Wände seiner Wohnung bedeckt sind, explodieren förmlich vor Farbe und Licht und lösen beim Betrachter ganz eigene Interpretationen aus. Eine Tropenlandschaft? Ein Schatten an einem Tempeleingang? Die Morgenröte in der Wüste? Beinahe jede Auslegung ist möglich, da für Scharein die Farbe und nicht die Form im Vordergrund steht und er der Fantasie des Betrachters niemals durch Bekanntgabe seiner Quellen Grenzen setzt.

In meinen Gemälden möchte ich die Atmosphäre eines Orts, die Gefühle bei meiner Reise dorthin wiedergeben“, sagt er. „Reisen ist für mich als Inspirationsquelle sehr, sehr wichtig“.

Scharein rennt los zu seinem „Reise-Traum-Zimmer“, einem friedlichen, kontemplativen Raum, angefüllt mit Objekten von seinen vielen Reisen: Lackdosen aus Burma, Klangschalen aus Nepal, Edelsteine aus Madagaskar und Namibia, Muscheln von den Seychellen. An der Wand hängen hunderte seiner Fotografien aus aller Welt.

„Die Musik ist für meinen kreativen Prozess auch entscheidend“, sagt er bei unserer Rückkehr in sein Atelier, wo er mir seine riesige Sammlung klassischer CDs zeigt. „Gregorianische Gesänge, Mahler, Arvo Pärt und vor allem Maria Callas - ich höre sie bei der Arbeit. Von Callas lernte ich, dass eine Künstlerin ihrer Stimme „Farbe“ geben kann, um die Emotionen einer Oper oder Arie einzufangen. Also fragte ich mich: „Warum kann ich das nicht in meinen Farbfeldern machen“? Lachend fügt er hinzu: „Wenn ich das jemals auch nur halb so gut mache wie sie, setze ich mich zur Ruhe“.

Schareins prägnante, moderne Arbeiten sprechen Privatsammler ebenso an wie Firmen und die Regierung. Seine Gemälde wurden von Daimler-Chrysler, IBM und der Familie Reuter angekauft. Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erwarb vor kurzem zwei seiner Gemälde für sein Büro.

„Ich habe Lust am Genuss“, gesteht Scharein mit einem schiefen Lächeln. „Seit meiner Kindheit gibt es eine Handvoll Lebensinhalte, die in meiner Malerei bewusst eine Inspirationsquelle darstellen. Um etwas bildnerisch zu gestalten, muss ich im Vorfeld erleben, fühlen, riechen, tasten, leiden, sehen – und neue Leute kennenlernen. Hier in Berlin habe ich die Bedingungen dafür durch das Kochen geschaffen, das ist so kreativ, allerdings nicht so bleibend, wie meine Malerei. Für mich ist das Wichtigste, ein Essen zu genießen und dabei meine Gäste kennen zu lernen, umgeben von meinen Bildern in meiner Arbeitswohnung. Ich zeige zwischen den Gängen gern neue Arbeiten und gebe Menschen Einblick in meine Welt(en). In dieser Hinsicht bedeutet meine Lust am Genuss nicht nur Reisen, Fotografieren, Schreiben, Kochen oder Bilder malen, sondern eben auch Mit-Menschen erleben“.
Scharein geht auch während seiner Ausstellungen ungewöhnliche Wege, um viele Menschen anzusprechen und ihr Interesse für Kunst und seine Farbfeldmalerei zu (er)wecken. So machte er 2009 mit den Bundestagsabgeordneten Monika Grütters (CDU) und Gregor Gysi (Die Linke) eine Podiumsdiskussion zu Maria Callas. Für 2011 plant er während der Fussball-WM der Frauen eine Ausstellung in Deutschland in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation Care. Warum Fussball? Warum diese NGO?

„Na, ist doch ganz einfach: Meine Bilder bestehen aus Punkten, Punkte sind rund und das Runde muss ins Eckige. Nein, ernsthaft: Sport ist wie Kunst international, berührt und bewegt die Menschen. Das ist eine Chance, beides zu verbinden. Die Schirmherrschaft soll Auma Obama übernehmen. Die Halbschwester von Barack Obama ist promovierte Germanistin und arbeitet für Care als Projektkoodinatorin für 'Sports for Social Change'“. Scharein hat sie im Herbst 2010 in Berlin getroffen, und bei einem privaten Essen beim amerikanischen Botschafter in Deutschland entstand diese neue ungewöhnliche Projektidee.

Ich halte inne, um Schareins ausdrucksvolle Bilder noch einmal genau zu betrachten und über seine Gedanken und Pläne nachzudenken. Dabei geht mir auf, dass für ihn und seine vielen Bewunderer genau dies der Sinn der Kunst ist.

 

Rory MacLean
Januar 2011, übersetzt von Susanne Mattern