"Lust am Genuss" - by Scharein

Lust am Genuss
Scharein, 2006

Seit meiner Jugend gibt es für mich eine handvoll wichtiger Lebensinhalte, die mir am Anfang unbewusst, später mit vollem Wissen zu Quellen meiner Bildinspirationen geworden sind. Um etwas aus mir heraus bildnerisch zu formulieren, muss ich im Vorfeld erleben, fühlen riechen, tasten, leiden, sehen. Frühes Fernweh führte mich zum Reisen- Länder nicht zu überfliegen, sondern zu durchqueren. Atmosphären auf Märkten wahrzunehmen, Landschaftseindrücke aufzunehmen, in Stimmungen einzutauchen und all dies photographisch fest zu halten. Darüber hinaus habe ich aus all diesen fernen Ecken der Welt für mein „Reise-Traum-Zimmer“ Erinnerungsstücke mitgebracht: Klangschalen aus Nepal und Kambodscha, Mineralien und Halbedelsteine aus Madagaskar und Namibia, Muscheln von den Seychellen und aus Vietnam, die spezifischen Farben und Düfte dieser Länder.

Wichtig ist für mich immer wieder das unterschiedliche Licht im Norden, Süden, Osten und bei uns im Ablauf der Tage, des Jahres. Wie beeinflusst dies die Menschen an den unterschiedlichen Orten, welche Wirkung hat es auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, die für mich die Ursache unserer tiefsten Gefühle sind: Liebe, Verlust, Trauer, Verzweiflung, Glück.

Auf all diesen Reisen habe ich immer ausführlich Tagebücher geführt, Skizzenbücher gefüllt und stets den Kontakt zu Freunden und Bekannten in Briefform gesucht. Für mich sind diese Briefe Rechenschaftsberichte mir selbst – und dem Empfänger – gegenüber. Erst das geschriebene Wort ordnet die Gedanken, die Lebens- und Bildideen. Es war und ist eine Form meine Positionen, meinen Lebensweg zu klären und mir wichtige Menschen dabei mit einzubeziehen, natürlich nicht nur aus der Ferne, sondern auch zu hause vor Ort.

So spielt der gesellschaftliche Umgang miteinander eine wesentliche Rolle: Gemeinsam Essen und Trinken, dabei das Gespräch, die Auseinandersetzung suchen. Grundlage dafür ist das Kochen, so kreativ – aber nicht so bleibend - wie meine Malerei. Kochen bedeutet für mich entspannen, Neues ausprobieren, Fähigkeiten erweitern und verbessern. Auf engste sind damit abendliche Gesellschaften mit mehrgängigen, selbst entworfenen Menüs verbunden: Essen genießend den Gegenüber kennen lernen und erleben, mitten in der Bilderwelt meiner Arbeitswohnung. Zwischen den Arbeitsgängen neue Werke zeigen, Einblicke in meine Welt(en) gewähren.

Das ist in den letzten Jahren mehr und mehr auch eine Form geworden, die Arbeiten nach außen zu präsentieren. Zwar immer nur in einem kleineren Kreis, aber dafür umso intensiver und stets mit der Chance verbunden, den Gästen zuzuhören, ihre Welten besser kennen und verstehen zu lernen.

So bedeutet für mich die Lust am Genuss nicht nur Reisen, Photographieren, Schreiben, Kochen, Bilder malen, sondern eben auch Mit-Menschen erleben.